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103 118 – die schnelle 103 (9 B)

geschrieben von: ulrich budde

Datum: 14.11.10 19:36

Vor einiger Zeit wurde im HiFo nach dem möglichen Vorhaben der DB gefragt, eine Ellok, genauer gesagt eine "Eine 103 für 250 km/h" zu beschaffen. Relativ schnell wurde klar gestellt, dass es sich bei der zitierten Zeitungsmeldung – wie so oft – um ins Kraut schießende Phantastereien sensationshungriger Journalisten handelte.

Aber es gab natürlich genau eine 103, die 250 km/h fahren konnte – die VersA-Lok 103 118 (mal davon abgesehen, dass später zwei weitere ihr Getriebe erbten und damit auch so schnell waren).

Die guten Fahreigenschaften der Vorserienloks 103.0 ließen den Schluss zu, dass die künftigen Serien-Loks der Baureihe 103.1 durchaus für höhere Geschwindigkeiten als die nominellen 200 km/h geeignet sein könnten. Exakt berechnen konnte man das allerdings nicht, da es Ende der 60er Jahre dafür überhaupt noch keine theoretischen Modelle und Rechenmodelle gab. Die in der Literatur gelegentlich zu findende Formulierung, die 103.1 sei fahrtechnisch für 265 km/h ausgelegt gewesen, halte ich deshalb für eine rückwirkende Glorifizierung. Wie dem auch sei, die für die Fahrtechnik zuständige Versuchsanstalt (VersA) in Minden erkannte die Chance und ließ deshalb aus der laufenden Serie die 103 118 bereits ab Werk mit einer geänderten ("längeren") Getriebeübersetzung ausstatten, die es ermöglichte, ohne Erhöhung der maximalen Motordrehzahl die Höchstgeschwindigkeit der Lok auf 250 km/h anzuheben. Mit dieser Lok wurde dann ab 1971 systematisch der Geschwindigkeitsbereich zwischen 200 und 250 km/h unter aller Aspekten untersucht, um damit die Grundlagen für eine langfristig angestrebte weitere Erhöhung der allgemeinen Reisegeschwindigkeiten zu erforschen.

Genug der Vorgeschichte. Die 103 118 war auch für mich eine ganz besondere Maschine, mit der ich oft beruflich zu tun hatte, und die ich immer wieder gern aufs Celluloid gebannt habe. Ein paar Bilder davon möchte ich jetzt mal zeigen.

Es beginnt am 22.04.75 im Bahnhof Brackwede, von wo aus die VersA in der Regel ihre Schnellfahrversuche startete. Aus "ungewöhnlich gut informierten Kreisen" an der Uni Hannover war mir zugetragen worden, dass in dieser Woche aerodynamische Messfahrten zwischen Brackwede und Neubeckum stattfänden. Also nichts wie hin.

Bild 1:
http://www.bundesbahnzeit.de/dso/103_118/b01-103_118.jpg

Und da steht er schon, der Messzug mit 103 118 an der Spitze. Typisch für die frühen Jahre: Das schwarze Nummerschild an den Stirnseiten. Ganz hinten ist noch 103 001 zu sehen, die für die Rückführungen (ohne Messungen) von Neubeckum nach Brackwede eingesetzt wurde. Das provisorisch an der Kupplungsaufnahme befestigte lange Rohr an der Lokspitze ist eine Messlanze, die ich mir noch etwas genauer ansehen musste.

Bild 2:
http://www.bundesbahnzeit.de/dso/103_118/b02-103_118.jpg

Das dicke gelbe Rohr ist nur ein Abstandshalter; das eigentliche Messglied ist das dünne silberne Röhrchen an der Spitze, mit dem der Luftdruck (Staudruck) im ungestörten Bereich gemessen wird. Als Hintergrund muss man wissen, dass der Umgebungsdruck bei aerodynamischen Betrachtungen eine große Rolle spielt. In einem Abstand von ca. 5 m vor dem Zug kann man davon ausgehen, dass hier noch ungestörte Umgebungsbedingungen herrschen. Oder, bildlich gesprochen, dass die Luft in dieser Entfernung noch nichts davon merkt, dass sie gleich von einem Zug auseinander gerissen wird.


Das nächste Mal traf ich bereits in beruflicher Mission auf die "118". Bei den Zulassungsfahrten des im Rahmen des Rad/Schiene Forschungsprogramms entwickelten Versuchsfahrzeugs 1 für Geschwindigkeiten bis 250 km/h gab es nur eine Lok, die diese Geschwindigkeiten überhaupt erreichen konnte – 103 118.
Zunächst der Versuchszug von vorn, abfahrbereit im Rbf Brackwede am 30.04.81.

Bild 3:
http://www.bundesbahnzeit.de/dso/103_118/b03-103_118.jpg

Jetzt muss auch einmal das "Versuchsobjekt", das Versuchsfahrzeug 1, zu seinem Bild im HiFo kommen.

Bild 4:
http://www.bundesbahnzeit.de/dso/103_118/b04-VF1.jpg

Natürlich habe ich es mir nicht nehmen lassen, auch einmal eine Fahrt auf dem Führerstand der 103 mitzumachen, bei der dann wie geplant die Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h ausgefahren wurde.

Bild 5:
http://www.bundesbahnzeit.de/dso/103_118/b05-v=250.jpg

Für mich als jungem Eisenbahningenieur und Eisenbahnfreund dazu war das schon ein denkwürdiges Ereignis, zumal ich damals noch nicht ahnen konnte, dass später einmal Besuche im Führerstand bei Hochgeschwindigkeitsfahrten zu meinem Tagesgeschäft gehören würden.


Nach einem arbeitsreichen Vormittagsprogramm ging es zum Mittagessen nach Bielefeld, wo am "Gleis Null" die örtliche DB-Kantine aufgesucht wurde. Und wenn der Versuchszug hier nun mal so schön im Licht steht, muss man das auch verewigen. Inzwischen hat die Lok übrigens ihre gegossenen DB-Schilder an der Front verloren und auch das Lokschild mit rotem Grund entspricht ganz der Regelausführung.

Bild 6:
http://www.bundesbahnzeit.de/dso/103_118/b06-103_118.jpg


Zum Abschluss des Tages wartete die Versuchsmannschaft der DB mit einer netten Überraschung auf: Jeder Besucher der teilnehmenden Firmen bekam eine Urkunde über die maximal erreichte Geschwindigkeit. Am 30.04.81 waren es 253,0 km/h - und das war nicht etwa aufgerundet, sondern entsprach exakt der Digitalanzeige im Messwagen.

Bild 7:
http://www.bundesbahnzeit.de/dso/103_118/b07-VersA-Urkunde_250_kmh.jpg


Die Urkunde war zwar nichts Offizielles, aber ein netter Gag und ein schönes Andenken, das ich bis heute in Ehren aufbewahre. Und die Versuchsmannschaft verfolgte damit augenzwinkernd noch einen kleinen Nebeneffekt, der durch den Eintrag auf der Rückseite erkennbar wird: Bei einer Spende für die Kaffeekasse wurde das "nicht" gestrichen. In Zeiten, wo solche Ausgaben noch anstandslos über die Reisekostenabrechnung beglichen wurden, ließ man sich da natürlich nicht lumpen.

Bild 8:
http://www.bundesbahnzeit.de/dso/103_118/b08-VersA-Urkunde_250_kmh_R.jpg


Anfang 1983 verlor die 103 118 ihren Sonderstatus, da die DB händeringend Loks für den IC-Verkehr mit 200 km/h benötigte (die Bestellung der Serien 120 hatte sich bekanntlich um Jahre verzögert). Mit Bauteilen der verunglückten 103 125 wurde die Lok in den Normalzustand umgerüstet, d.h. mit regulärer Getriebeübersetzung für vmax = 200 km/h versehen. Ihre Radsatzgetriebe, also hauptsächlich Ritzel und Großrad, wurden an die Vorserienlok 103 003 weitergeben, die damit auf ihre alten Tagen noch einmal eine deutliche Geschwindigkeits-Steigerung erfuhr.

Bild 9:
http://www.bundesbahnzeit.de/dso/103_118/b09-103_003.jpg

Am 08.09.83 rauscht die neue Schnellfahrlok der VersA Minden, 103 003, als Lz durch Wuppertal Steinbeck. Die gelben Klemmkästchen an den Drehgestellen zeigen an, dass die Lok mit Messradsätzen ausgerüstet – ein Muss für Fahrten mit 250 km/h.
Im Hintergrund drückt 151 078 gerade ein paar Güterwagen in den Güterbahnhof Wuppertal Steinbeck.

Soweit mein kurzer bildlicher Ausflug mit der schnellen 103 118..

Schönen Tag noch,
Ulrich B.





3-mal bearbeitet. Zuletzt am 2015:04:03:10:02:16.

Re: 103 118 – die schnelle 103 (9 B) und eine kleine Frage

geschrieben von: Mw

Datum: 14.11.10 19:53

Herzliche Dank für diesen Beitrag, der einen Meilenstein der Schnellfahrtechnik in Deutschland beleuchtet!
Nett übrigens das Bild vom Führerstand mit der Tachonadel auf 250 km/h und den Utensilien: Fplo, Taschenlampe, Feuerzeug, Zigarettenschachtel und Brille(!).
Noch eine Frage zum Nummernschild: Könnte es sein, daß die ein oder andere 103 (z.B. die erstgebaute 109-5) anfangs für kurze Zeit auch ein schwarzes Nummernschild gehabt hat?

Schönen Abend
Mw

Bei der Fülle des zu verarbeitenden Materials sind einzelne Fehler oder Unrichtigkeiten nicht gänzlich zu vermeiden (Kursbuch Deutsche Bundesbahn)

der rote Keks steht kopf

geschrieben von: tbk

Datum: 14.11.10 20:02

am ende "1". Der obere bogen des "B" müsste kleiner sein als der untere, hier ist es umgekehrt. Kam bei verschiedenen DB-loks vor (schablone?)

Bei 103ern gab es die verschiedensten keksgrößen nach entfernung der erhabenen schilder, das hatten wir schon ein paar mal ....

Dank für: 103 118 – die schnelle 103 (9 B)

geschrieben von: Stefan Motz

Datum: 14.11.10 20:36

Hallo Ulrich,
solange sie schnell war, habe ich sie nie gesehen. Deshalb mein besonderer Dank für Deinen Bericht!
Viele Grüße
Stefan

http://foto.arcor-online.net/palb/alben/58/781958/6638303363633862.jpg http://foto.arcor-online.net/palb/alben/58/781958/3338386331616233.jpg

Die 103 110....

geschrieben von: Plumps

Datum: 14.11.10 20:44

...hatte am 18.9.1970 ein rotes "Nummernschild"

Grüße

Re: 103 118 – die schnelle 103 (9 B)

geschrieben von: Metropolitan

Datum: 14.11.10 21:36

Ein sehr interresanter Bericht einer imposanten Lok. Auch sehr gut von dir erklärt.
Vielen Dank dafür!

Gruß Thorsten.

vielen Dank

geschrieben von: 012 055-0

Datum: 14.11.10 22:58

für eine lehrreiche Nachhilfestunde, Ulrich!

...es grüßt im 3/4 Takt

http://fs5.directupload.net/images/user/160623/zk9omh38.jpg

.

Fototaschenbilder bitte an diesen Beitrag anhängen:[www.drehscheibe-foren.de]


103 118 – die schnelle 103

geschrieben von: domino

Datum: 14.11.10 23:41

Hallo Ulrich,
beim Blick auf auf die "Lanze" im 2. Bild bekommt , bekommt das Warnschild zwischen den Gleisen gleich eine ganz andere Bedeutung ;-)

mfg Klaus

http://www.dominobahn.de/jk6.jpg

Re: 103 118 – die schnelle 103 (9 B)

geschrieben von: martin welzel

Datum: 15.11.10 10:12

Moin Ulrich,

ganz herzlichen Dank für diese schöne Zusammenstellung - die 103 118 ist mir ja auch diverse Male begegnet. Mit schwarzen Nummernschildern war sie noch am 30.9.1978 im AW Opladen zu sehen.

Und auch das VF 1 ist mir in guter Erinnerung geblieben - ich weiß noch, wie ich mich als junger Ingenieur in der kruppschen Werkshalle darüber wunderte, dass man dem Dingen sogar eine Lokomotiv-Fabriknummer verpasst hatte (Krupp 5500/79)!
;-))

Bis nachher,

Martin

Re: 103 118 – die schnelle 103 (9 B)

geschrieben von: Maschinensetzer

Datum: 15.11.10 13:51

Das ist ja nochmal etwas interessantes! Man hatte damals so am Rande mal etwas gehört und nach so langer Zeit gibt es jetzt sogar die Information aus erster Hand.

Vielen Dank für den Bericht und die Bilder.

Beste Grüße
Thomas

Sehr schön!

geschrieben von: rolf koestner

Datum: 15.11.10 14:14

Als mir die 103 118 das erste Mal in Elze vor die Kamera fuhr (März 1984) war sie schon ihrer Schnellfahrdrehgestelle beraubt. In meiner Sammlung befinden sich aber zwei oder drei unspektskuläre Aufnahmen der Lok zu 250 km/h-Zeiten, leider nicht mehr mit schwarzem Nummernschild, wobei ich mir immer die Frage gestellt habe, wieso sie eigentlich überhaupt solche besaß.


Schön vor allem das Bild mit dem Staudruckmesser. Fast wie Don Quijote...



Bis neulich

Rolf Köstner

"Die Presse muss die Freiheit haben, alles zu sagen, damit gewissen Leuten die Freiheit genommen wird, alles zu tun." (Louis Terrenoire, französischer Journalist und Politiker; 1908 - 1992)

Free Deniz Yücel

Re: Lanze

geschrieben von: Vilsa

Datum: 15.11.10 16:43

... und beim ersten Bild dachte ich zunächst, daß der Reisende einen heißen Ritt vorhätte... ;-)

Ein schöner Beitrag, der mir gut gefallen hat und Wissenslücken gefüllt hat.
Vielen Dank dafür!

Re: 103 118 – die schnelle 103 (9 B)

geschrieben von: Wolfgang Z

Datum: 15.11.10 17:56

Hallo Ulrich,

ein herzliches Dankeschön für deine tiefen wie interessanten Einblicke in die Welt der höheren Geschwindigkeiten vor knapp 30 Jahren.

----------------------------------------------

Wolfgang Zitz

http://abload.de/img/stwksf4_2a_bannereqqrv.jpg


meine HiFo-Beiträge

Huch - der VF1 in freier Wildbahn?

geschrieben von: Sandhase

Datum: 15.11.10 20:11

Bisher kannte ich nur Bilder vom Prüfstand in M-Freimann.

http://www.petervelten.de/Bilder/Schnelles.jpg

There are only 10 types of people in the world:
Those who understand binary, and those who don't.

Re: 103 118 – die schnelle 103 (9 B)

geschrieben von: Vogelfluglinie

Datum: 15.11.10 22:38

Beeindruckende Bilder einer beeindruckenden Lok.
Vielen Dank für's Zeigen.

Gruß
Clemens

TEE Merkur - erstklassig über die Vogelfluglinie!

103 118 macht immer wieder Freude (o.w.T)

geschrieben von: Klaus Ratzinger

Datum: 16.11.10 18:35

(Dieser Beitrag enthält keinen Text)
Klaus Ratzinger

"We don`t attract wimps `cause we`re too loud
just true metal people that`s MANOWAR`S crowd"
"True metal people wanna rock not pose"
METAL LIVES FOREVER !

DSO Hi-Fo Beiträge Linkliste Klaus Ratzinger

Re: 103 118 – die schnelle 103 (9 B)

geschrieben von: Lokleitung

Datum: 16.11.10 18:54

Ich habe die 103 118 am 11. April 1981 in ihrer Heimat Minden kennengelernt.

Der DB-Kundenzeitschrift "Blickpunkt" (wer kennt sie noch?) hatte ich entnommen, dass irgend ein Fernsehsender in Minden am 11.04.1981 eine Folge der Show "Blickpunkt Bahnhof" (oder so ähnlich?) aufzeichnen wird. Deshalb führte mich meine Tour an diesem heißen Tag nach Minden; ich hoffte, dass die "besonderen" Loks des Bundesbahn-Zentralamtes dort auch zu finden wären. Im Bahnhof Minden war viel Humbatäterä fürs Fernsehen angesagt, was mich eigentlich weniger interessierte.

Aber, wie erhofft, war für die Show die damals schnellste aller 103er mit einem topmodernen Großraumwagen behängt worden. Mit diesem Foto von 103 118, hatte sich einer meiner Wünsche erfüllt. Gut ist das Klebelogo mit dem kopfstehenden B erkennbar. An der zum Bpmz gekuppelten Seite hatte die Lok noch ihr schwarzes, ein wenig nach unten "durchgebogenes" Lokschild (im Gegensatz zu den üblicherweise der 103-Front angepassten Blechschildern war das schwarze Schild wohl sauber rechtwinklig geschnitten, was auf der runden Front dann den Eindruck ergab, als sei es in der Mitte etwas nach unten "verbogen")

Leider nur ein Bild mit "Rotschild":
http://img140.imageshack.us/img140/512/8124242bs.jpg

Mit freundlichen Grüßen
Ralph Dißinger

"Wenn das 'gesunde Volksempfinden' an die Macht kommt, endet das oft im Weltkrieg.
Geist addiert sich nicht. Dummheit schon." Dieter Nuhr

Re: 103 118 – die schnelle 103 (9 B)

geschrieben von: 103Freak

Datum: 17.11.10 12:41

Echt tolle Bilder!

Ich habe mir letztens die Drehgestelle bei der 103 222 noch begutachen können.

Leider gibt es den Rest nicht mehr dank Opladen ;-(

Brackwede?

geschrieben von: AlexT

Datum: 03.12.10 20:14

Hi,

ist das tatsächlich Brackwede auf den ersten Bildern? Unglaublich! Selbst wenn ich mir den OWD (Ostwestfalendamm) wegdenke, kann man es kaum erkennen.
Auf dem zweiten Bild kann man zumindest ansatzweise die Hünenburg im Hintergrund erkennen. Hatte Brackwede mal echte Bahnsteigdächer?

Grüße,
Alex

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